Aramis hat geschrieben:... denn tatsächlich gibt es "da draußen" weder Licht noch Farbe, es gibt lediglich elektromagnetische Wellen; es gibt "da draußen" weder Schall noch Musik, es gibt nur periodische Schwankungen des Luftdrucks; "da draußen" gibt es weder Wärme noch Kälte, es gibt nur Moleküle, die sich mit mehr oder minder großer mittlerer kinetischer Energie bewegen, usw ... Schließlich gibt es "da draußen" ganz gewiß keinen Schmerz.
Ich stehe der Position des radikalen Konstruktivismus (insbesondere Watzlawick etc) nicht fern, aber ich denke, in diesem Zitat wird der Gedanke noch nicht vollstaendig vollzogen. Es gibt da nicht "lediglich elektromagnetische Wellen", sondern gerade elektromagnetische Wellen sind eine Konstruktion sondergleichen.
Sicher, hier wird von bestimmten physikalischen "Erkenntnissen" ausgegangen um nicht zu sehr ins Abstrakte abzurutschen. Ob elektromagnetische Wellen nun (objektiv) existieren oder nicht spielt hier aber keine Rolle. Es geht in diesem Zitat nicht darum, die Welt zu erklären, sondern im Speziellen darum, den Leuten zu veranschaulichen, dass alltägliche "objektive" Wahrnehmungen schon rein logisch nicht wirklich objektiv sein können. Um ehrlich zu sein fände ich es schon sehr verwunderlich, wenn jedes Gehirn und jedes Auge exakt gleich funktionieren würden und exakt das selbe Resultat für zwei unterschiedliche Subjekte erzeugen würden. Ähnlich ja, identisch ist kaum vorstellbar. Dies sieht man schon allein daran, dass einige Menschen "besser" sehen, hören, riechen, schmecken oder tasten können. Es gibt also schon "wahrnehmbare" Unterschiede.
Aramis hat geschrieben:Wenn alles subjektiv ist, kann ich auch nichts Objektives kennen und somit hat der Begriff des Objektiven keine Bedeutung mehr. Der Begriff des Subjektiven ist dann aber auch eine Variable fuer alles, das erkannt werden kann, und ist somit auch nutzlos (das ist nahe am fruehen Wittgenstein dran). "Subjektiv" und "Objektiv" sind Antagonisten, die ohne den jeweils anderen nicht leben koennen, man muss sich also fragen wie eine Weltanschauuung darauf fussen kann, dass "alles" subjektiv ist. Es geht nicht, es ist nicht denkbar. Alles auf seine Subjektivitaet zu reduzieren greift zu kurz.
Der radikale Konstruktivismus sagt nicht, dass es keine objektive Realität gibt. Er besagt nur, dass ein Subjekt diese niemals wahrnehmen kann, da jedes Subjekt eine eigene Realität aus Erinnerungen/Erfahrungen, Denkleistung und Sinnesreizen konstruiert. Dass es dennoch eine absolute objektive Welt da draußen gibt, ist dabei nicht relevant und wird vom radikalen Konstruktivismus nicht verneint. Objektivität könnte also existieren, ist aber nicht wahrnehmbar (man kann dadurch aber weder wissen ob es sie gibt oder nicht). Allerdings hast du natürlich recht, dass die beiden Begriffe wenig Sinn machen, wenn nur eines wahrnehmbar ist. Wichtig ist es aber um sich von anderen Erkenntnistheorien abzugrenzen bzw. den Leuten die Hintergründe zu veranschaulichen.
Übrigens reduziert man nicht alles auf die eigene Subjektivität. Man interagiert ja mit anderen Subjekten, für die man selbst wieder etwas konstruieren muss. Im Prinzip ist diese Konstruktion eine Anpassung. Man versucht nicht die eine wahre Wirklichkeit zu erkennen, sondern konstruiert durch Ausprobieren, Erinnern und Vergleichen eine Realität, die zur eigenen Wahrnehmung "passt". Für mich ist vorallem entscheidend, zu verstehen, dass Menschen nicht die wahre Welt entdecken wollen, sondern etwas Passendes schaffen wollen, mit dem sie mit der Welt zurecht kommen.
Und in Hinblick auf technische Bereiche und Kybernetik finde ich z.B. auch interessant wie das Gedächtnis wahrscheinlich funktioniert (nach von Foerster). Es ist kein Speicher im klassischen Sinn, sondern vielmehr werden Erinnerungen nicht gespeichert, sondern ständig neu berechnet. Das Gehirn speichert also nicht auf molekularer Ebene Gedächtnis-Informationen, sondern ermöglicht das Neuberechnen dieser Konstrukte.
Aramis hat geschrieben:Ein Erdbeer-Muffin, das wir beide vor uns auf dem Tisch stehen sehen, ist
sehr viel objektiver und wahrer als das Higgs-Boson, elektromagnetische Strahlung oder die Evolutionstheorie. Die Farbe Rot ist auch verhaeltnismaessig objektiv - oder hast du, schonmal zwei Leute gesehen, die sich nicht darueber einig waren, ob eine Erdbeere rot oder gruen ist? Manchmal sieht man beim froehlichen Philosophieren den Wald vor lauter Baeumen nicht

Die grosse Frage ob "mein Rot" dasselbe "Rot" wie "dein Rot" ist (schon die Formulierung offenbart das Problem

), stellen sich wohl die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens bzw. ich hoere sie verdammt oft. In letzter Konsequenz gedacht, fuehrt sie aber leider wieder an den Ausgangspunkt zurueck: es ist, was ist, nicht mehr, nicht weniger.
Ein Apfel ist auch für fast alle Menschen ein Apfel. Ich kann einem Kind aber von klein an lehren, dass ein Apfel eine Birne ist. Das Kind konstruiert dann eine Realität, in der ein Apfel eine Birne ist. Wenn es irgendwann mit anderen Subjekten zusammentrifft, die behaupten, dass ein Apfel ein Apfel ist, dann bröckelt die Realität. Um so häufiger dem Kind gesagt wird, dass ein Apfel ein Apfel ist, desto stärker wird es die bisherige Realität aufgeben um sich der aktuellen Wahrnehmung und Erfahrung anzupassen. Die Realität wird neu konstruiert bzw. umkonstruiert. Ob ich z.B. Farben anders wahrnehme spielt in der Tat keine große Rolle. Allerdings kann man daran gut veranschaulichen, dass Wahrnehmungen und Realitäten eben rein subjektiver Natur sein können ohne dass dies jemals ein Subjekt erkennen könnte.
Prinzipiell ist eine Farbe auch nur ein Name einer Eigenschaft (Farbe) und der Name eines Objekts der Name der Eigenschaft "Name". Es ist unerheblich ob ich einen Apfel "Apfel" nenne oder seiner Farbe den Namen "rot" gebe. ich werde das Objekt Apfel dennoch gleich wahrnehmen, unterscheiden können und wiedererkennen. Es ist aber nur möglich zu vergleichen ob andere die Eigenschaften des Objekts genauso nennen oder halt anders ("Apfel", "rot"), nicht aber ob sie die Eigenschaften genauso wahrnehmen. Das ist ein großer Unterschied.
Aramis hat geschrieben:(ueber die Unterscheidung zwischen einer real existierenden Wirklichkeit, deren Abbild unsere Wahrnehmung ist, und separat konstruierten Realitaeten (ohne universale Wirklichkeit) zu streiten, ist absolute Wortklauberei - erkenntnistheoretische Positionen unterscheiden sich nur in ihrer Auswirkung auf unser Selbstbild, darin, wie sie die, die sie kennen beeinflussen – und darin liegt ihr einziger Wert. Der Wert des radikalen Konstruktivismus liegt beispielsweise darin, dass er uns verstehen lehrt, wie Menschen, naiv gesprochen, in derselben Welt leben und sich doch so sehr missverstehen koennen).
Das stimmt. Gerade Watzlawick war ja nicht nur Philosoph, sondern vorallem Therapeut für Paare und Kommunikationsforscher. Gerade deshalb ist dieses Thema ja auch für die Gesellschaft und jedes Individuum so interessant. Watzlawick sagte ja selbst "man kann nicht nicht kommunizieren".

Wie gesagt interessiert mich der RK nicht nur aus philosophischer, sondern auch aus kybernetischer, biologischer und sozialer Sicht.
Ohne Input kein Output.